Interview mit G. Pons vom CEILT
In einem Interview spricht Gérard PONS, Präsident des Europäischen Informationszentrums für
Lichttherapie (Centre Européen d´Information sur la Luminothérapie, CEILT) über die
saisonale Depression und die Prinzipien der Lichttherapie. Er klärt uns ebenfalls über
Lichtwecker auf.
Solvital: Man spricht sehr häufig von der saisonbedingten Depression „SAD“. Worum handelt es sich dabei?
C.E.I.L.T: Wenn sich die dunklen und kurzen Herbsttage nähern, fühlen sich viele Menschen energielos, haben Schwierigkeiten, morgens aufzustehen oder abends einzuschlafen. Es fällt ihnen schwer, sich bei der Arbeit oder im sozialen Leben zu konzentrieren. Sie haben Lust, zu naschen. Sie sind trübsinnig oder fühlen sich sogar depressiv.
Solvital: Was ist der Grund für diese Depression, die auf den Menschen wirkt?
C.E.I.L.T: Der Mensch ist dazu veranlagt, im Freien im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten zu leben. Unser Körper lebt in Harmonie mit dem Tag und alle unsere Lebensfunktionen werden von unserer inneren Uhr gesteuert: der 24stündigen Uhr. Am Tag ist das Serotonin unser Motor, nachts dient uns das Melatonin als Schlafmittel.
Wenn die Helligkeit des Tageslichtes auf unserer Augenhöhe unter 2000 Lux sinkt, fängt unser Gehirn an, Melatonin zu produzieren, das unseren Körper langsam über den Blutkreislauf einnimmt und uns schläfrig macht. Alles ist perfekt, außer dass - abgesehen von der Ferienzeit - wir nicht mehr im Freien leben (durchschnittlich weniger als 20 Minuten pro Tag und Person in unseren zivilisierten Ländern) und dieser Lichtmangel schadet uns schwer.
Wir leben in unseren Büros, Häusern, im Untergeschoss, in blinden Räumen, bei vollkommen unzureichendem Licht: 100 Lux in einem schlecht erleuchteten Zimmer, zwischen 300 und 600 Lux mit Bürolampen, was dazu führt, dass wir den ganzen Tag über ein Schlafmittel produzieren, dass sich direkt auf unseren Körper und unsere Stimmung auswirkt. Die dunklen Wintertage oder Regentage kommen zu der schlechten Beleuchtung hinzu und verstärken diese Erscheinung noch. Das Licht, mit dem wir leben, ist 5- bis 10-mal schwächer als das natürliche Licht eines normalen trüben Tages. Es ist also unmöglich, die Wirkung des Sonnenlichtes vollständig durch die von traditionellen Schreibtischlampen zu ersetzen, ohne das Spektrum und die Farbe der Einrichtungen zu berücksichtigen.
Solvital: Wann wurde diese Therapie ausgearbeitet?
C.E.I.L.T: Eine Forschergruppe des N.I.M.H. in den USA suchte nach Methoden, dieses Schlafmittel künstlich zu steuern. Da Wesen, die im natürlichen Tageslicht leben, dieses Problem nicht haben, ging es darum, auf künstliche Weise die natürlichen Bedingungen nachzuempfinden. So ließ man nach vielen Versuchen Lampen bauen, die alle Eigenschaften des Sonnenlichts aufwiesen:
- Lichttemperatur von 6000 bis 6500° Kelvin
- Komplettes Spektrum des Sonnenlichtes
- Variable Intensität je nach Bedarf (zwischen 2500 & 10 000 lux)
- Außerdem strahlen diese Röhren oder Glühbirnen sehr wenig UV aus, daher ist ihr „Missbrauch“ den ganzen Tag lang ohne Nebenwirkungen
Diese Geräte wurden sehr lange in Forschungskrankenhäusern getestet, an Tausenden von Menschen, und bereiteten den Weg für eine effektive und klar definierte Therapie, die sich Phototherapie nennt.
Solvital: Wie funktionieren diese Lichttherapiegeräte?
C.E.I.L.T : Wenn die Symptome auftauchen oder einfach als Vorsorge, weil man die Phasen der Depression und der geringeren Aktivität voraussehen kann, besteht das Prinzip darin, sich täglich vor sein Lichttherapiegerät zu setzen, für eine Dauer von 20 bis 30 Minuten im Durchschnitt und bei einer Intensität von 6000 bis 10 000 Lux, am besten morgens.
Man sollte nicht fest in die Lichtquelle sehen, sondern sie ein bisschen oberhalb des Kopfes anbringen, so wie das Sonnenlicht in unser Auge fällt. Man kann dabei lesen, Musik hören, fernsehen oder Indoorsport betreiben, mit weit geöffneten Augen. Das Licht wird über den Sehnerv in den Gehirnteil geleitet: den Hypothalamus und besonders die Zirbeldrüse oder Hypophyse, wo das Hormon Melatonin produziert wird.
Solvital: Wie lange dauert die Behandlung und wie wird sie vorgenommen?
C.E.I.L.T: Etwa zehn Sitzungen, jeweils einmal pro Tag, sind ausreichend, um diese Beschwerden zu beseitigen.
Dabei handelt es sich leider nur um ein Nachlassen, und schwer betroffene Menschen können während einer schlechten Jahreszeit mehrmals von den Symptomen heimgesucht werden. Deshalb besteht die beste Therapie in folgendem:
1) Den Schlaf mithilfe eines Lichtweckers regulieren.
2) Täglich, egal in welcher Jahreszeit und zu vorsorglichen Zwecken, Lichttherapielampen verwenden.
3) Sich, wenn nötig, regelmäßig von einem Schlaf- oder Lichttherapiespezialisten untersuchen lassen (die gibt es in Deutschland!!!).
Solvital: Ist es notwendig sich an einen Arzt zu wenden?
C.E.I.L.T: In ernsthaften Fällen ja, bei Menschen, die überhaupt nicht in der Lage sind, in der schweren Jahreszeit aktiv zu werden, die sehr schwer depressiv und in sich zurückgezogen sind. In Frankreich sind das weniger als 4%.
Solvital: Können wir diesen Menschen helfen?
C.E.I.L.T: Ja, indem wir ihnen klar machen, dass ihr Zustand nichts mit Verrücktheit zu tun hat, sondern mit einer starken Empfindlichkeit auf die Jahreszeitenänderungen (die Depression ist vererbbar!!!).
Es gibt Tests, die bei der Orientierung helfen können.
Solvital: Was ist ein Dämmerungssimulator?
C.E.I.L.T: Das sind Geräte, die Ihnen helfen, ihre biologische Uhr im Alltag richtig zu stellen. Es handelt sich um Nachttischlampen, die mit einer weißglühenden Standardglühbirne von mindestens 60 Watt ausgestattet sind (und keine Lichttherapie- oder Energiesparglühbirne) und deren Vorrichtung (Mikroprozessor) das Ansteigen der Lichtintensität wie bei einem Sonnenaufgang regelt, über eine programmierbare Dauer von 15 bis 90 Minuten.
Solvital: Wie funktioniert er?
C.E.I.L.T: Nachdem die Weckzeit programmiert wurde, wird das Licht langsam heller, nach einer linearen Varianz. Diese wird, selbst wenn sie verschwindend klein ist, von Lichtsensoren empfangen, die sich um das Auge herum befinden, und wird über den Sehnerv zur Zirbeldrüse geleitet. Diese erhält die Information, dass der Morgen anbricht und erteilt den Befehl, dass die Melatoninproduktion gestoppt wird, alle Funktionen des vegetativen Nervensystems im Körper ausgeführt werden und unser paradoxaler Traum unterbrochen wird.
Die morgendliche Cortisonabsonderung beginnt, die Körpertemperatur steigt auf die des Tages an. Wenn die Lichtintensität noch ein bisschen weiter steigt, leitet die elektrische Aktivität des Gehirns, die den Tiefschlaf ausmacht, ihren Übergang zum leichten Schlaf ein, dann den zum kompletten Erwachen. Das Gehirn ist aufnahmefähiger für diese natürliche Methode als für die Strahlung hellen und künstlichen Lichts, die nicht angekündigt wurde. Wir wachen also in den besten Bedingungen auf, wenn „der Tag angebrochen“ ist (Lampe bei voller Stärke).
Anmerkung: Blinde können diesen Weckmechanismus verwenden.
Der Simulator funktioniert auch umgekehrt, um leichter Schlaf zu finden oder bei Schlaflosigkeit.
Gérard PONS, danke